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Sidemen8. Mai 202610 Min. Lesezeit

Ein Geflecht, das atmet

Im Tal von Sidemen, zwischen Reisterrassen, flechten Frauen Rattan mit einer Technik, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Jeder Korb beginnt mit einer einzigen Faser und Stunden, die sich nicht beschleunigen lassen.

Das Tal von Sidemen ist Bali vor dem Tourismus — Reisterrassen, die in Kaskaden abfallen, Häuser auf Pfählen, langsame Nachmittage. Hier, im Schatten der Veranden, flechten Frauen Rattan und Alang-Gras, wie es ihre Großmütter taten.

Das Geflecht beginnt mit einer Faser. Dann einer zweiten, einer dritten — und plötzlich, nach Stunden, entsteht aus dem Nichts eine Form. Es gibt keine Gussform und keine Schablone; die Hände kennen den Rhythmus auswendig, und Gespräch und Lachen laufen neben der Arbeit her, ohne sie zu unterbrechen.

Rattan lebt — es reagiert auf Feuchtigkeit, spannt sich und lockert sich. Ein gutes Geflecht „atmet“ mit dem Raum, in dem es steht. Deshalb altern Körbe aus Sidemen schön: Sie reißen nicht, sie bekommen Patina, wie ein gut getragenes Ding.

Die Frau, die flechtet, zählt keine Stunden. „Der Korb ist fertig, wenn er fertig ist“, sagt sie. In einer Welt, die alles in Minuten misst, klingt die Antwort fast subversiv. Und doch ist genau sie der Kern dessen, was wir mitbringen.

Sidemen, Bali · 8. Mai 2026