Ratgeber · Indonesien & Bali
Kamasan-Malerei – der klassische Wayang-Stil aus Klungkung
30. August 2026 · 7 Min. Lesezeit
Kamasan-Malerei ist der klassische Stil der balinesischen Malerei, auch Wayang-Stil genannt, weil die Figuren den flachen Puppen des javanisch-balinesischen Schattentheaters ähneln. Er entstand im 16. und 17. Jahrhundert an den Höfen der Könige von Gelgel und Klungkung, zeigt Szenen aus den hinduistischen Epen und wird bis heute fast ausschließlich in einem einzigen Dorf gepflegt: Kamasan im Bezirk Klungkung im Osten Balis. Das berühmteste Ensemble solcher Malereien bedeckt die Decke der Kerta Gosa, des ehemaligen Gerichtspavillons in Klungkung.
In diesem Artikel beschreiben wir, woran man den Wayang-Stil erkennt, welche Geschichten die Bilder erzählen, woraus die Pigmente bestehen und worauf gemalt wird, wie die Arbeit in einer Werkstatt abläuft, in der der Meister zeichnet und die Schüler kolorieren, was die Kerta Gosa ist und wie das Malerdorf heute lebt. Zum Schluss erklären wir, wie man ein Original von einem Druck unterscheidet und wie man ein Bild zu Hause aufhängt. Im August 2026 besuchten wir in Kamasan das Atelier des Malers I Nyoman Kondra.
Woran erkennt man den Wayang-Stil?
Ein Bild im Kamasan-Stil liest sich wie die Seite einer Erzählung, nicht wie ein Fenster zur Welt. Es gibt keine Perspektive und keinen Schatten: Die Figuren stehen auf einer Ebene, dem Betrachter im Dreiviertelprofil zugewandt, mit länglichen Augen, klar gezeichneter Nase und Händen in Gesten, die man aus dem Tanz kennt. Die Identität einer Figur erkennt man an festen Zeichen: Krone, Hautfarbe, Augenform und Kleidung. Götter und edle Prinzen haben schmale, ruhige Gesichter, Dämonen und Riesen hervorquellende Augen, Fangzähne und grobe Züge.
Den Hintergrund füllen Ornamente: Felsformationen, blühende Bäume, wellige Wolken und schmückende „Flügel", die zur nächsten Szene überleiten und die Episoden voneinander trennen. Die Komposition ist oft fortlaufend, wie ein Comicstreifen ohne Bildrahmen, und die Leserichtung ergibt sich aus den Gesten der Figuren. Es ist eine Bildsprache mit Jahrhunderten Geschichte und sehr wenigen Veränderungen; genau deshalb ist sie so leicht zu erkennen.
Welche Geschichten erzählen die Bilder aus Kamasan?
Das Repertoire ist im Wesentlichen dasselbe wie im Schattentheater, im Tanz und in der Dichtungsrezitation auf Bali:
- Ramayana – die Geschichte Ramas, die Entführung Sitas, der Affenkrieger Hanuman und der Krieg gegen Ravana; das häufigste Thema,
- Mahabharata – die Brüder Pandava und Kaurava, die große Schlacht und vor allem die Episode Bhima Swarga: Bhimas Reise in die Unterwelt, um die Seelen seiner Eltern zu retten, mit Szenen höllischer Strafen und himmlischer Belohnung,
- Sutasoma – ein altjavanisches Gedicht über einen Bodhisattva-Prinzen, aus dem das Motto Indonesiens „Bhinneka Tunggal Ika" (Einheit in Vielfalt) stammt,
- Tantri – Tierfabeln über Weisheit und List, das Gegenstück zum Panchatantra,
- Kalender und Astrologie – Palelintangan-Tafeln, die die Tage der balinesischen Woche mit Zeichen, Schicksal und Charakter verbinden.
Die Bilder hatten ursprünglich eine religiöse und lehrende Funktion: Sie wurden bei Zeremonien in Tempeln und Pavillons aufgehängt, als ider-ider (lange, schmale Streifen unter der Dachtraufe), langse (Vorhänge) und tabing (rechteckige Tafeln). Erst im 20. Jahrhundert, mit der Ankunft von Ausländern, entstanden Bilder, die für die Wand eines Wohnhauses gemalt wurden.
Woraus bestehen die Pigmente, und worauf wird gemalt?
Die traditionelle Kamasan-Palette ist schmal und erdig, was sie von den farbenfrohen Malschulen um Ubud unterscheidet. Der Träger ist Baumwollstoff, früher auch Rindenbaststoff (daluang), mit Reispaste grundiert und mit einer Muschel geglättet. Bevor es Fabrikfarben gab, entstanden die Farben aus dem, was zur Hand war:
| Farbe | Traditionelle Quelle | Verwendung |
|---|---|---|
| Gelb und Rötlich | Ocker – natürliche Erdtöne | Haut von Göttern und Adligen, Schmuck, Hintergründe |
| Schwarz | Ruß aus der Öllampe | Konturen, Haare, Dämonen |
| Weiß | gemahlener Knochen oder Muschelkalk | Grundierung, Lichter, Augen |
| Braun, Rot | Erde, in manchen Werkstätten auch Harze | Kleidung, Felsen, Kontrast |
| Blau (selten) | Indigo | vereinzelte Details der Kleidung |
Als Bindemittel diente tierischer oder pflanzlicher Leim. Heute verwenden die meisten Maler fertige Acrylfarben, meist so gewählt, dass sie dem alten Farbklang nahekommen; einige Werkstätten, darunter jene, die Bilder für Tempel liefern, reiben ihre Pigmente weiterhin selbst. Naturfarben sind matt und nehmen mit der Zeit einen warmen, gedämpften Ton an, den Acryl nicht wiedergibt.
Wie eine Werkstatt arbeitet: der Meister zeichnet, die Familie koloriert
Ein Bild aus Kamasan ist selten das Werk einer einzelnen Person. Die traditionelle Arbeitsteilung sieht so aus:
- 1.Skizze – der Meister (sangging) zeichnet die Komposition mit Bleistift oder feinem Pinsel; er entscheidet über die Anordnung der Szenen und den Charakter der Figuren,
- 2.Kolorieren – Schüler, oft die Ehefrau, Kinder und Nachbarn, füllen die Flächen nach einem festen Farbcode aus,
- 3.Schattierung und Ornament – weitere Hände fügen Muster auf der Kleidung, Abstufungen und Hintergründe hinzu,
- 4.Kontur – der Meister kehrt zum Bild zurück und setzt mit Tusche oder Schwarz die endgültige, feine Linie, die den Figuren Leben gibt; diese Stufe entscheidet über die Qualität des Ganzen.
Signaturen kamen erst im 20. Jahrhundert auf; alte Bilder sind anonym, denn der Urheber war die Werkstatt und die Tradition, nicht eine Person. In diesem Sinn ähnelt die Kamasan-Malerei den anderen balinesischen Handwerken, über die wir im Text über taksu, die Seele, die Handwerk unterscheidet geschrieben haben: Es zählt nicht die Signatur, sondern ob das Bild „richtig" und lebendig ist.
Kerta Gosa – die Decke, die Recht sprach
Die Kerta Gosa ist ein offener Pavillon in der Anlage des ehemaligen Königspalastes in Semarapura (Klungkung), erbaut zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Ort, an dem König und Priester die schwersten Rechtsfälle entschieden. Ihre gesamte Decke bedecken Kamasan-Malereien in Streifen: unten Tantri-Fabeln, darüber Bhima Swarga mit detaillierten Szenen der Strafen im Jenseits (Kochen in Kesseln, Zersägen, Feuer) und der Belohnungen für die Gerechten, ganz oben himmlische Szenen. Der Angeklagte saß unter dieser Decke und wusste, was ihn erwartete.
Der Palast wurde 1908 beim Puputan von Klungkung, der letzten Schlacht gegen die Niederländer, größtenteils zerstört; wir beschreiben sie in der Geschichte Balis von Majapahit bis heute. Die Kerta Gosa und der benachbarte Bale Kambang (ein schwimmender Pavillon in einem Teich, mit Malereien zu Sutasoma und anderen Erzählungen) blieben erhalten. Die Malereien wurden im 20. Jahrhundert mehrfach erneuert, stets von Malern aus Kamasan; was man heute sieht, ist also weitgehend das Werk der letzten Generationen und nicht des 18. Jahrhunderts, und genau so funktioniert diese Tradition.
Kamasan heute – das Malerdorf
Kamasan liegt wenige Minuten von Semarapura entfernt. Von außen sieht es aus wie jedes andere balinesische Dorf: Ziegelmauern, Tore zu Familiengehöften, Tempel. Hinter den Toren aber arbeiten Familien, die seit Generationen malen, neben Schmieden, die hier Zeremonialmünzen und Gefäße herstellen. Die Malerei ist kein Museumsstück: Tempel, Sippen und Sammler bestellen weiterhin Bilder, und viele Maler unterrichten ihre Kinder und Enkel. Im August 2026 besuchten wir das Atelier von I Nyoman Kondra, wo mehrere Menschen gleichzeitig an einer aufgespannten Leinwand arbeiteten: einer zeichnete die Kontur, andere füllten die Farben. So sieht eine Werkstatt aus, die sich seit den Tagen von Gelgel nicht verändert hat.
Die größten Sammlungen alter Malereien sind im Museum Semarajaya neben der Kerta Gosa sowie in Museen auf Bali und in Europa zu sehen; viele der ältesten Bilder gelangten in der Kolonialzeit in niederländische Sammlungen. Kamasan ist eine der Stationen unserer Karte der Handwerkerdörfer Balis.
Wie erkennt man ein Original?
- Die Linie – im Original ist die Kontur von Hand gezogen: stellenweise dicker, stellenweise dünner, mit kleinen Schwankungen; im Druck ist sie perfekt gleichmäßig und auf jedem Exemplar identisch,
- Die Textur – auf dem Stoff sieht man das Gewebe und eine leichte Unebenheit der Grundierung; die Farbe liegt als Schicht auf, die man unter dem Finger spürt,
- Die Rückseite – ein Original hat rohen Stoff mit durchscheinenden Farben, ein Druck eine einheitliche weiße oder dünne Unterlage,
- Die Farbe – traditionelle Pigmente sind matt und gedämpft; satte, glänzende Farben bedeuten Acryl oder Druck,
- Preis und Zeit – ein Bild, an dem mehrere Menschen wochenlang gearbeitet haben, kann nicht so viel kosten wie ein Poster.
Die allgemeinen Regeln, wie man ein Original von Massenware unterscheidet, haben wir im Text über Handwerk aus Bali und Fälschungen gesammelt.
Was das für die Dinge in Ihrem Zuhause bedeutet
Ein Bild aus Kamasan ist der beste Beweis dafür, dass balinesischer Wandschmuck kein Souvenir sein muss: Es ist ein Bild mit eigenem Alphabet und einer Geschichte, die älter ist als die meisten europäischen Museen. Zu Hause wirkt es am besten allein, auf einer ruhigen Wand, in einem schlichten Holzrahmen oder auf einen Keilrahmen gespannt, ohne Glas, fern von direkter Sonne und dem feuchten Badezimmer. Naturpigmente verblassen unter UV-Licht, deshalb ist die Wand gegenüber dem Fenster eine schlechte Wahl, eine Wand tiefer im Raum mit warmem Licht dagegen eine sehr gute. Bilder und andere handgefertigte Wandstücke finden Sie in der Kategorie Wanddekor; daneben wirken rohe Textilien und Schnitzerei gut, wie wir im Text über den balinesischen Stil im Interieur beschreiben.
Häufige Fragen
- Was ist Kamasan-Malerei?
- Der klassische Stil der balinesischen Malerei, Wayang-Stil genannt, in dem die Figuren Schattentheaterpuppen ähneln: flach, ohne Perspektive, mit festen Zeichen der Identität. Er entstand im 16. und 17. Jahrhundert an den Höfen von Gelgel und Klungkung und lebt bis heute im Dorf Kamasan.
- Was zeigen Bilder im Wayang-Stil?
- Szenen aus Ramayana und Mahabharata (besonders Bhimas Reise in die Unterwelt), das Gedicht Sutasoma, die Tierfabeln Tantri und balinesische astrologische Kalender. Früher hingen sie bei Zeremonien in Tempeln, heute auch in Wohnhäusern.
- Woraus bestehen die Pigmente der Kamasan-Malerei?
- Traditionell aus Ocker (Gelb und Rot), Ruß (Schwarz), gemahlenem Knochen oder Muschelkalk (Weiß) und selten Indigo, gebunden mit Leim. Heute nutzen viele Maler Acrylfarben im alten Farbklang, manche reiben ihre Pigmente weiterhin selbst.
- Was ist die Kerta Gosa in Klungkung?
- Der Gerichtspavillon des ehemaligen Königspalastes in Semarapura aus dem frühen 18. Jahrhundert, dessen Decke Kamasan-Malereien mit Szenen von Strafe und Belohnung im Jenseits bedecken. Er überstand den Puputan von 1908 und wurde mehrfach von Malern aus Kamasan erneuert.
- Wie unterscheidet man ein originales Kamasan-Bild von einem Druck?
- An der handgezogenen, ungleichmäßigen Konturlinie, der Textur von Stoff und Farbschicht, der rohen Rückseite mit durchscheinender Farbe und den matten, gedämpften Farben. Eine perfekt gleichmäßige Linie, glänzende Farben und ein sehr niedriger Preis deuten auf einen Druck hin.
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